NAMEDROPPING

Zu den Köpfen und Namen von Peter Köllerer

Dwight Chapiro, Sam Rice, Zachariah Bray führen, vielleicht aufgrund ihrer Physiognomie, bestimmt aber, weil sie als Fotografien existieren, eine Präteritum-Existenz. Ihr Autor (Bildhauer, Fotograf, Partnerschaftsagentur) hat aber ihr Sein an einen nahe oder ferner liegenden Punkt der Zukunft verschoben, vorhersehbar oder nicht: Diese Zukunft wird nicht eintreffen. 

Gus, Iqbal und Norman existieren als Schrei, als Horchen, als Versprechen, Versagen, als Delle und dumpfe Frage, als Hinweis auf eine Art Glücksspiel oder Betrug: Es ist nicht mehr notwendig, darauf zu setzen oder ihm zu entkommen. Jerri Galloway, Delarosa und Battistoni zeigen die Abwesenheit aller erzählbarer Geschichten.

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Sam Rice (NAMEN), 2010

Roscoe, Jonas und Erland Ward haben das Innere nach außen gestülpt (das ist – natürlich – die Leere, die sie ausmacht); Arnold Kaplan und Malcolm Medrano verweisen auf eine Welt, der wir uns nicht aussetzen mögen, obwohl es diese Welt ist, die uns längst ausmacht: Die Rille im Leben, der Deckel, der auf keinen Wunsch passt, die Abdrücke und Henkel der Welt, ihre Tassenhaftigkeit. Rusu Haffner erinnert an die glücklichen Eierköpfe Brâncusis. Dilip Cooper und Freeman Fulton zeigen, dass die Körper, und die dazugehörenden Köpfe natürlich, den Sinnen längst entflogen sind.

Diese Serie von Köpfen und Namen ist der Abschluss jener Entwicklung, die den Menschen als verkleinerte Welt und den Kopf als Kürzel für den Körper (Le Brun) verstand, sie zeigt die Beschaffenheit unserer digitalen Seele.

Die Saugnäpfe, Wulste, Zacken, Stirnkurven und Quader mit ihren glatten und schraffierten, mit ihren verwölkten Oberflächen, die spitzen Hörner und kleinen Kügelchen illustrieren unseren Hunger und Durst nach Entsprechung und Analogie sehr konkreter Wünsche, nach Spiegelbildern und Gegenstücken uns unbekannter Menschen, Personen, Figuren, die auf dem Netz-Boulevard, vor unserem gierigen Auge auftauchen: Wir wollen sie nackt sehen, fallen sehen, betrunken oder in Tränen aufgelöst, wir wollen sie zu dick, zu dünn, wir wollen sie immer, wir wollen sie jederzeit, wir wollen sie strecken und biegen, wir wollen sie lang ziehen und scheiteln, durch den Reißwolf ziehen, aus dem Block herausschneiden, in den Rumpf hineintreiben, wir wollen sie verfügbar. Wir sind verfügbar.

Aber keine Sorge: Es ist alles nicht echt.

Absender und Empfänger existieren beide nicht. Nur das unaufhörliche Plappern, Up- und Download unsäglicher Datenmengen, Traffic sind hier nachempfunden, sichtbar gemacht in dieser unbekannten Beziehung zwischen Skulptur und Name, in der immer wiederkehrenden Aufeinanderfolge von Form, Aufnahme, Auflösung und Zuordnung einer entsprechenden Identität.

Alle hören zu, obwohl keiner spricht.

Die Betrachterin aber tut weiterhin so, als könnte sie das Menschliche, das sie ausmacht, selber hinzufügen.

Stanley Pollock und Dorian Hilliard stehen für eine unsagbar offene Ökonomie der virtuellen, potentiellen Möglichkeiten des digitalen Raumes, der unsere Welt auch ist.

Die Fotos dieser modellierten Köpfe sind nicht die Bestätigung von Präsenz, sie stehen nicht für jenes Ça-a-été, nicht stillgelegte, gestockte Zeit, ja nicht einmal Gegen-Erinnerung (wahrscheinlich Proust über die Fotografie). Sie sind Hinweis auf eine eigentümliche Abwesenheit. Was für eine Repräsentation von Außenwelt, die sich mittlerweile vollständig aufgelöst hat! 

Diese Serie von Köpfen und Namen repräsentiert Vorstellung und Verstellung, sie amputiert durch Zugabe, verbirgt und zeigt zugleich. Zeigt uns die Zukunft unserer Vergangenheit.

Sie ist das künstlerische Kommunikationsmittel, das nichts mit Zwang zu tun hat, sondern mit Notwendigkeit, weil sie in der Variation und Wiederholung ein eigentlich unfassbar Ganzes beschreibt: Das Antlitz der virtuellen Welt in uns, deren Oberfläche uns aufgerissen entgegenstarrt.

Angelika Reitzer, April 2013